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Initiative Bauen Wohnen Arbeiten e.V. in Köln PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Sonntag, den 22. August 2010 um 23:19 Uhr

Wohnungslosenselbsthilfeprojekt im Sozialraum

Die Initiative Bauen Wohnen Arbeiten e.V. ist aus dem  Zusammenschluss verschiedener Vereine der Wohnungslosenselbsthilfe und Privatpersonen im Jahr 1996 entstanden. Zum Schutz der Bürger und um eine höhere Attraktivität der Innenstadt zu erreichen, wurden Treffpunkte der Wohnungslosen und Bauwagenplätze mehr und mehr aufgelöst. Dadurch entstand die Idee  „Wohnungslose bauen Wohnraum für Wohnungslose“. Durch den Abzug alliierter Truppen standen große Kasernenareale leer. Um diesen Raum wieder zu nutzen, entstand unter anderem der Plan, neue Wohnquartiere zu errichten. Mit Unterstützung des Bauministeriums NRW, öffentliche Mittel für sozialen Wohnungsbau und einem Kredit der Bank für Sozialwirtschaft gelang es der Initiative 1998, ein Grundstück mit einem Kasernengebäude  in einer ehemaligen belgischen Kaserne zu erwerben. Das Konzept war einfach. Auf dem Gelände wurden Bau- und Wohnwagen zu Wohnhilfezwecken für Wohnungslose zur Verfügung gestellt. In Zusammenarbeit mit regionalen Handwerkerbetrieben entstanden in den folgenden acht Jahren 46 Wohnungen mit einer gesamtfläche von 2800 m². Das fehlende Eigenkapital wurde durch Eigenleistung erbracht. Es ist ein Immobilienwert von 4Mio.€ entstanden, von dem 1,5Mio in Eigenleistung erbaut wurde. Zur Eingliederung Wohnungsloser stehen weiterhin Bau- und Wohnwagen zur Verfügung und in den letzten Jahren sind fünf Gartenhäuschen entstanden mit insgesamt zehn Wohneinheiten.

Als wir 1998 auf das Gelände gezogen sind, waren wir die Ersten. In den folgenden 4 Jahren entstand um uns herum ein neues Quartier in dem mittlerweile 3000 Menschen leben. Die Einwohnerzahl des Stadtteils Ossendorf hat sich damit verdoppelt. Die Stadtplaner haben darauf geachtet, dass eine bunte Mischung in dem neuen Quartier entsteht. Reihenhäuser für junge Familien, Sozialwohnungen, Wohnungen für den freien Wohnungsmarkt und Eigentumswohnungen stehen hier nebeneinander. Auch in unserem Projekt wohnen neben Wohnungslosen Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Senioren, behinderte Menschen und Geringverdiener.

Die Wagenburgen und die lange Bauzeit sorgten dafür, dass wir im neuen Quartier zunächst sehr abgegrenzt, isoliert lebten. Den Projektteilnehmern war es freigestellt, in Gruppen und Wagenburgen oder auch etwas abseits alleine zu wohnen. So war es möglich, Teilnehmer aus allen Wohnungslosengruppierungen aufzunehmen. So gab es die Punkerecke, Alkoholiker bildeten eine Gruppe, und Drogenabhängige eine andere, aber auch für Einzelgänger war Platz. Durch tägliche „Arbeitsbesprechungen und einer wöchentlichen Bewohnerrunde gelang es eine Gemeinschaft entstehen zu lassen, in der jeder seinen engeren Raum und seine Kontakte selbstbestimmt gestallten konnte, aber auch sich dem ganzen Projekt zugehörig fühlen konnte. Die Wohnungen wurden in fünf Etappen fertiggestellt. Mit der Fertigstellung der einzelnen Etappen zogen immer mehr Familien mit Kindern, Alte und Junge Menschen ein. Auch die ersten ehemaligen Wohnungslosen zogen in ihre Wohnung. Andere sind bis heute in ihrem Bauwagen oder zogen in ein Gartenhäuschen. Anfängliche Berührungsängste wurden bald überwunden und es entstand ein buntes Miteinander. Wohnungslose lernten, dass abends keine laute Musik gemacht werden darf, damit die Kinder am nächsten Morgen frisch für die Schule sind und Mütter verloren ihre Angst vor Hunden. Mittlerweile wohnen 150 Menschen davon 40 Kinder im Projekt. Zirka  50 Menschen mit  Wohnungslosenhintergrund haben hier ein Zuhause gefunden.


Ins Quartier entstanden nur langsam nachbarschaftliche Kontakte, die von beiden Seiten sehr eingeschränkt waren. Unser Sozialraum beschränkte sich also auf unser 6000 m² großes Grundstück. Es gab Ansätze, Menschen aus dem Quartier für unser Projekt zu interessieren. Neben dem Verkauf von Gemüse und Produkten aus der Kleintierzucht, einem preisgünstigen Mittagstisch in unserer Kantine sorgten vor allem unsere Feste für den Abbau von Schwellenängsten. Immer mehr Nachbarn trauten sich, zu uns zu kommen, nutzten die Metallwerkstatt um Fahrräder zu flicken, Großeltern besuchten mit ihren Enkeln die Hühner, brachten gebrauchte Möbel und Kleidung. Die Öffnung war jedoch einseitig.

Seit 2004 werden Mitarbeiter der Initiative beim Institut Kutschera zum Resonanz-Coach, -Master und -Trainer ausgebildet. Die Ausbildung wurde durch die Stiftung des Instituts vorfinanziert. Auch ehemalige Wohnungslose sind aufgrund ihrer Fähigkeiten ins Leitungsteam aufgestiegen und haben diese Ausbildung erhalten. Andere haben durch die Ausbildung ihre Fähigkeiten entdeckt und entwickelt und sind heute im Leitungsteam und im Vorstand. In Einzel- und Gruppencoachings werden Eigenverantwortung, Selbst- und Sozialkompetenz gefördert. So konnten auch Angebote außerhalb des geschützten Raumes verwirklicht werden. Hier ein Beispiel:

Wir haben eine Gruppe junger Punker, die seit Jahren ihre Aufgabe darin sehen, Bauholzabfälle zu verbrennen und ihre Bauwagen mit Graffiti zu verschönern. Um sie aus ihrem Lagerfeuerambiente herauszulocken, haben wir ein Comicprojekt gestartet. Mit diesem Projekt haben wir uns einem EU-Projekt „ Kultur für Randgruppen“  angeschlossen. Beteiligt waren in diesem EU-Projekt auch pensionierte GymnasiallehrerInnen aus Palermo, ein Institut zur Förderung langzeitarbeitsloser Frauen und Berufsrückkehrerinen in Aarlborg und ein Zentrum für langzeitarbeitslose Nordafrikaner in Avignon. Nachdem sich alle Einrichtungen kennengelernt hatten gab es einen Workshop in Avignon wo alle Beteiligten voneinander lernen sollten. Unsere Punker gaben einen Einführungskurs in Graffiti und begeisterten vor allem Damen in fortgeschrittenem Alter. Einer der beteiligten ehemaligen Punker hat inzwischen ein Studium für Grafik-Design abgeschlossen. Eine Webseite bei Myspace ist entstanden. In Regelmäßigen Abständen werden über diese Seite Comics aus der ganzen Welt zu einem bestimmten Thema von unbekannten Zeichnern gesammelt, als Comicheft zusammengestellt, gedruckt und Weltweit von den Zeichnern auf der Straße verkauft. Sie stellen Beiträge an verschiedenen Ausstellungen in NRW aus, haben den Umgang mit Computern und Software gelernt und nebenbei  verbrennen sie natürlich noch immer Bauholzabfälle.

Dieses Beispiel zeigt, dass bei Nutzung der Fähigkeiten und Förderung der Interessen des Einzelnen eine Erweiterung des Sozialraums ganz automatisch mit sich bringt und sich sogar über die ganze Erde ausbreiten kann.

Bei einzelnen Personen kann eine solche Entwicklung bei entsprechender Begleitung sehr schnell gehen. Bei einem Selbsthilfeverein ist zunächst ein Umdenken notwendig. Um wohnungslosen Menschen einen geschützten Raum zu bieten kann eine Abgrenzung zunächst notwendig oder zumindest hilfreich sein. Außerdem hat man als Wohnungslosenselbsthilfe ein „schmuddeliges“ Selbstverständnis. So hat es die Initiative über Jahre geschafft, unbekannt zu bleiben. Wir sind in den verschiedensten Arbeitskreisen aktiv, so auch im Stadteilarbeitskreis der sich mit der Sozialraumplanung des neuen Quartiers befasst, haben es aber die ganzen Jahre nur zum Mithelfer bei den verschiedenen Aktionen geschafft. Um das Selbstbewusstsein des Vereins zu stärken, haben wir alle unsere Angebote aufgelistet. Freizeit-, Sport- und Kreativangebote, die Kindergruppe, Coachings und Beratung bei drohender Wohnungslosigkeit und Arbeitslosigkeit wurden für jedermann geöffnet. Kooperationen mit sozialen Einrichtungen großer Träger und Kindergärten haben sich entwickelt. Anfänglich waren die anderen Einrichtungen erstaunt. Zum einen über unser vielfältiges Angebot und zum Anderen, dass wir auch einen Kostenbeitrag für unsere Angebote beanspruchen. Mittlerweile ist eine gute Zusammenarbeit entstanden. Nachbarschaftsfeste, Kinderferienspielwochen und andere Aktionen werden gemeinsam organisiert und ein guter, konstruktiver Austausch findet regelmäßig statt. Wir sind nicht nur mit dabei, sondern stehen auch vorne auf dem Flyer. Durch dieses gute Verhältnis finden auch unsere Bewohner den Weg in andere Einrichtungen und nehmen dort Angebote wahr.

Im Jahr 2004 wurde mit verschiedenen Vereinen in Köln das „Freie Trägerbündnis Köln“ gegründet. Als Partner der ARGE-Köln bietet das Trägerbündnis Integrationsmaßnahmen in den Vereinen an. Seit zwei Jahren haben wir die Anerkennung des Landschaftsverbands Rheinland für ambulantes betreutes Wohnen. Das Betreuungsangebot ist für jedermann offen.

Außerdem sind Mitarbeiter in der Bundesbetroffeneninitiative und sind über die BBI im Vorstand der BAGW. Durch sie wurde auch eine Beteiligung in der Arbeitsgruppe Patizipation und Empowerment bei F.E.A.N.T.S.A. (EU/Brüssel) möglich.

Die Entwicklung der Initiative in den Sozialraum hinein ist ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Eine wirkliche Integration von Wohnungslosen kann nur erfolgreich sein wenn sie die Integration in den sozialen Raum beinhaltet. Es bedeutet am Leben teilzuhaben und sein soziales Umfeld aktiv mitzugestalten.

Brigitte Hartung

 

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