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Für ein umfassendes Streikrecht

Die Bundesrepublik Deutschland hat weltweit das rückständigste und restriktivste Streikrecht. Das Streikrecht in Deutschland ist lediglich Richterrecht. Im Grundgesetz (GG) findet sich außer der Koalitionsfreiheit gemäß Art. 9 Abs. 3 kein konkreter Hinweis

Unterzeichnen Sie den Wiesbadener Appell.

Armut in Deutschland, die willkürliche Vernichtung des Mittelstandes und seine neuen Götter PDF Drucken E-Mail
Von Eifel­phi­lo­soph | Nach­rich­ten­spiegel Online 8.7.11 | — Ges­tern musste ich etwas Zeit im War­te­zimmer ver­bringen – und habe dabei einige Aus­gaben des “Stern” gelesen. Geht ja schnell, steht ja eigent­lich nichts drin – ausser den Kolumnen von Hans Ulrich Joerges. In einer – es war, glaube ich, jene mit dem Titel “Glaubt nichts! Zwei­felt!” schreibt er über jenes Gefühl, das uns alle beschleicht: das Gefühl des dro­henden Endes.

Ich dachte nur: “Hoppla! Der Mann könnte Blogger sein!”. Jene neue Form des Jour­na­lismus, der sich als Bür­ger­not­wehr gegen eta­blierte Medien gebildet hat, die mit Gewalt ihre rosa­rote Tit­ten­brille jedem Men­schen zum Zwecke der Leis­tungs­stei­ge­rung auf­setzen wollen, bis … ja bis letzt­lich die Rech­nung kommt. Wir hier draußen merken das recht deut­lich … an den Gemein­de­fi­nanzen, die ein­fach nur noch “kata­stro­phal” zu nennen sind. Bei der Ver­tei­lung der Res­sourcen fallen wir auch ständig hinten ´runter … und bekommen jetzt nochmal ein paar Mil­lionen Euro weniger.

Wer zahlt das? Nun, die, die noch was haben. Hier kommen wir jetzt in Situa­tionen, wo sich die Arbeits­losen ent­spannt zurück­lehnen können: die dras­ti­sche Erhö­hung der Was­ser­ge­bühren wird bei ihnen vom Amt über­nommen (sofern sie ange­messen ist, nehme ich mal an).

Die anderen jedoch … trifft es hart, ganz vorne die Witwen mit der kleinen Rente, die im selbst­ge­nutzten Wohn­raum wohnen und jeden Tag mit Angst zum Brief­kasten gehen: wer in Deutsch­land Eigentum geschaffen hat, wird bestraft – nicht nur im Falle der Arbeitslosigkeit.

Wohn­ei­gentum ent­wi­ckelt sich zu einer Falle im Alter, die finanz­po­li­tisch aus­ge­schlachtet wird: bei jeder Stra­ßen­sa­nie­rung wird der Anlieger finan­ziell mit her­an­ge­zogen: für Witwen mit kleiner Rente das Aus. Sie wollen dann nur noch sterben. Fünfzig Jahre am Haus gewer­kelt, und dann vom Gesetz­geber finan­ziell an die Wand gepresst … da bleibt kein großer Lebens­wille übrig.

Momentan noch redet sich die Regie­rung die UN-​Kritik schön, die eigent­lich für jeden tages­ak­tuell gebil­deten deut­schen Poli­tiker nicht neu sein sollte. Schon im Februar 2010 mel­dete der Spiegel: die Zahl der Armen in Deutsch­land wachse rasant, die Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung bestä­tigt den Trend schon zuvor:

Im Jahr 2008 waren in Deutsch­land 15,5 Pro­zent der Bevöl­ke­rung armuts­ge­fährdet (2005: 12,7 Pro­zent).Zehn Jahre zuvor waren es noch 9,1 %.

Armuts­fak­toren sind Arbeits­lo­sig­keit, Krank­heit, Schei­dung oder … Kinder, “unwirt­schaft­liche Haus­halts­füh­rung” führte nur bei 8,5 % der über­schul­deten Haus­halte in die finan­zi­elle Kata­strophe, d.h. die han­dels­üb­liche Beschimp­fung der Armen als “selber schuld” trifft hier nur eine kleine Min­der­heit, bei 91,5 % griff die Regel: “Arm durch das System” – also Armut per Gesetz oder poli­ti­schem Willen. Wie das prak­tisch aus­sieht, berichtet der Stern aktuell in einem Extra über Armut:

spendet eine gute Seele für ein hartz-​abhängiges Kind, wird umge­hend der Regel­satz gekürzt und der Staat steckt sich die Spende in die eigenen Tasche. Ähnlich ver­fahren auch Dik­ta­toren in Ent­wick­lungs­län­dern mit Ent­wick­lungs­hilfe – und aus der Per­spek­tive heraus ver­steht man viel­leicht auch die Kritik der UN besser: hier geht es um ein men­schen­feind­li­ches Prinzip, das die – oft selbst auf Ent­wick­lungs­län­dern stam­menden – hoch­ka­rä­tigen Fach­leute auch dann erkennen, wenn es im Armani-​Anzug daherkommt.

Sozi­al­staat heißt Sozi­al­staat, weil er ein Bündnis von Men­schen gegen die Unbillen des Lebens dar­stellt. Alter, Krank­heit, Tod von Ange­hö­rigen, Kin­der­ver­sor­gung: alles Lebens­ri­siken, die in frühen dörf­li­chen Gemein­schaften den Ein­zelnen bedrohten und mit noch soviel Fleiß nicht auf­ge­halten werden konnten.

So ent­standen die ersten Sozi­al­kassen. Mit der Ver­nich­tung der dörf­li­chen Lebens­struktur und ihrer Ver­en­gung auf den “Arbeits­platz” kam “Arbeits­lo­sig­keit” als Ersatz der “Miss­ernte” und der “Krank­heit” hinzu: auf einmal konnte man näm­lich mitten im Reichtum trotz eigener Gesund­heit und Rekord­ernten vom Hunger bedroht werden: die Not war nicht getilgt worden, sie hatte ihre Gestalt geändert.

 

Es sah aber so aus, als würden wir sie in den Griff bekommen, bis … ja bis das Groß­ka­pital den euro­päi­schen Sozi­al­staat sah. Erste Berichte über diesen gie­rigen Blick auf die euro­päi­schen Sozi­al­staaten tauchten Anfang der acht­ziger Jahre auf – kaum jemand hatte sie groß ernst genommen.

Man wollte diesen dicken Kuchen für sich haben, ent­wi­ckelte Stra­te­gien, för­derte gewisse Poli­tiker, Moden, Strö­mungen bis letzt­lich die Saat auf­ging: die Sozi­al­kassen standen zur Plün­de­rung bereit. Haupt­säch­li­ches Mittel war: die künst­lich pro­du­zierte Arbeits­lo­sig­keit, haupt­säch­li­ches Instru­ment: der ange­stellte Manager.

Sofort folgten Kün­di­gungs­wellen nach Kün­di­gungs­wellen, auch Bund, Länder und Gemeinden folgten dem Bei­spiel. Jeder Manager, der Super­boni wollte, schmiss erstmal Leute ´raus, was sich kurz­fristig immer gut in den Bilanzen macht – dafür durften die Über­le­benben dann mehr schuften.

Der Sozi­al­staat wurde dadurch unbe­zahlbar, die Macht der Gewerk­schaften gebro­chen, Mangel und Furcht machten sich in den Indus­trie­län­dern breit wäh­rend die Täter­ge­hälter per­verse Ent­wick­lungen durch­machten. Man wurde halt gut bezahlt für die Ver­nich­tung von Volks­wirt­schaften. Den Täter war klar, was ihnen blühen würde, wenn die Völker merken würden, wohin die Reise ging.

Die Medien unter­stützten diese Ent­wick­lung durch die Eta­blie­rung neuer Men­schen­bilder: junge, nie alt oder krank wer­dende kin­der­lose hüb­sche Kar­rie­re­monster bevöl­kerten die Zei­tungen und Fern­seh­sen­dungen nach Vor­bil­dern der alten grie­chi­schen Göt­ter­sagen – so konnte man werden, “wenn man es geschafft hatte”. Und die Men­schen glaubten diese Mär­chen, sie glaubten, es seien Natur­ge­setze im Spiel, wenn “Models” oder “Ten­nis­profis” auf einmal mehr Geld bekamen als jene Men­schen, die fünfzig Jahre lang deut­sche Auto­bahnen reparierten.

Es waren aber keine Natur­ge­setze, son­dern mensch­liche Ent­schei­dungen, die auf höchster Ebene getroffen wurden – wie alle Ent­schei­dungen, bei denen viel Geld ver­teilt wird. Schritt für Schritt hat man uns dazu erzogen, gegen­über den medialen Göt­tern bescheiden zu sein, unser eigenes Leben gering zu schätzen und glück­lich dar­über zu sein, das wir via Bild­schirm über die aktu­ellen Ent­wick­lungen im Olymp infor­miert werden.

Dass die Götter dadurch Götter wurden, das jemand bewußt ent­schieden hat, für das Hobby Fuss­ball­spielen jetzt ein­fach mal zwanzig Mil­lionen an den Spieler zu bezahlen, dreissig Mil­lionen für ein Model oder fünfzig Mil­lionen für einen Schau­spieler, das wurde uns nicht gesagt. Für uns … war das auf einmal ein­fach so.

Was wir aber merkten war, dass für die Maurer, die Alten­pfleger, die Kin­der­gärtner, die Bauern, Bäcker, Lehrer und Berg­ar­beiter kein Geld mehr da war. Klar, die Geschichte beweist ein­deutig: Nationen werden durch ihre Fuss­baller, Models und Komö­di­anten groß. Babylon, Rom oder das bri­ti­sche Welt­reich wären undenkbar ohne die Leis­tungen ihrer Sänger, Turner und Gaukler – oder? So erobert man Impe­rien: durch Comedy und Modeschauen.

So haben wir uns wert­lose Werte ver­kaufen lassen, denen wir heute noch folgen ohne es groß zu merken. Wir bemerken aber die Folgen des Wer­te­sys­tems, das, schätze ich mal, gezielt von Wer­be­psy­cho­logen analog zum grie­chi­schen Götter– und Halb­göt­ter­himmel ent­worfen wurde. Wir waren so etwas halt gewohnt, das Bil­der­verbot des Chris­ten­tums kam uns schon immer etwas lang­weilig vor.

Der Mit­tel­stand, die Bas­tion von Demo­kratie, Zivi­li­sa­tion, Wohl­stand und Fort­schritt wurde fort­lau­fend zer­stört … der Stern berichtet gerade aktuell über die neuen Sargnägel.

Mehr und mehr Volks­gruppen werden selek­tiert und zum Abschuss frei­ge­geben – und mit jedem Abschuss werden neue Mil­li­arden frei, die direkt auf die Konten der neuen Götter fließen. Die Bank­vor­stände ersetzen Zeus per­sön­lich, der mit seinen Zins­blitzen über das Theater wacht. Nach den Arbeits­losen sind jetzt die Haus­be­sitzer dran, die Rentner und die Kranken werden die Nächsten sein, denn die neuen Götter haben nicht nur die Sozi­al­kassen im Visier.

Da gibt es auch noch viel Erspartes im Mit­tel­stand – sehr viel. Darum ist schon jetzt abzu­sehen, das der Mit­tel­stand zur aus­ster­benden Art wird … wäh­rend er auf­merksam, brav und folgsam den Aben­teuern von Paris Hilton, den Mode­schauen des Ten­nis­pro­fi­sohnes oder den Puff­or­gien der Fuss­ball­götter folgt. Nach seinen eigenen Werten befragt, offen­bart der Mit­tel­stand seine Nütz­lich­keit: Rech­nungen pünkt­lich bezahlen, bescheiden und sparsam wirt­schaften, das Glück im Kleinen suchen und an die Zukunft seiner Kinder denken … Werte, die direkt in die Armut führen.

Jeden­falls in dem System der neuen abscheu­li­chen Mediengötter.

Merkt nie­mand, wie sehr unsere modernen Society-​Geschichten jenen Geschichten ähneln, die sich die Heiden über ihre Götter (und ihre Affären mit Men­schen­frauen) erzählt haben … und wie sehr wir uns dadurch wieder von dem Ide­al­bild des auf­ge­klärten Bür­gers ent­fernt haben? Früher waren die grie­chi­schen Götter die ein­zigen “Promis”, über deren Aben­teuer man in jeder Stadt spre­chen konnte.

Schaue ich mit die “Pro­mikultur” und ihre gezielte För­de­rung durch Medien und Wirt­schaft an, so denke ich mir: so würde ich es auch machen, wenn ich dem Mit­tel­stand erstmal das mora­li­sche Rück­grat bre­chen möchte: ich demons­triere ihm, das schön aus­sehen aus­reicht, um mehr Geld zu ver­dienen als er es jemals mit der Repa­ratur von Auto­bahnen, der Repa­ratur von Autos oder der Pflege von Men­schen ver­dienen kann.

Hat er das erstmal als normal aner­kannt, ist er sich seiner Min­der­wer­tig­keit bewusst, die ich ihm via Pri­vat­fern­sehen nochmal täg­lich vor­führe … zur Not mit der Supernanny im eigenen Haus … dann hole ich mir sein Geld, indem ich ihn dort packe, wo er nicht nein sagen kann: ich erhöhe die Unter­halts­kosten für sein Eigen­heim, die Kosten für Benzin … und fürs Essen.

Preise sind geduldig. Bis er merkt, das nicht sein Gehalt zu niedrig son­dern die Preise zu hoch sind, ist er pleite … und kann sich keine Gedanken mehr dar­über machen, das es kon­krete Men­schen waren, die sich zusam­men­rot­teten um sein Geld in ihre Geld­spei­cher zu pumpen.

Und Kraft zum Wider­stand wird er nicht mehr haben, denn er hat vor allem eins gelernt: er ist min­der­wertig und kann dankbar sein, wenn die neuen Götter seine Opfer­gaben annehmen … und viel­leicht gibt es ja sogar mal via E-​Bay ein Auto­gramm als Gunst– und Gnadenbeweis.

Dagegen zu pre­digen ist so sinnlos wie der Ver­such der grie­chi­schen Phi­lo­so­phen, ihre Mit­men­schen die nutz­lose und teure Anbe­tung ihrer Götter aus­zu­reden – und doch bleibt es die mora­li­sche Pflicht der Phi­lo­so­phie, ab und zu mal ein Licht auf das Desaster zu werfen. Es mag dem einen oder anderen helfen, sich von dem System zu eman­zi­pieren und nicht mehr nur Zahl– und Wahl­vieh zu sein.

Und viel­leicht … inspi­riert es ja auch manch einen, mal zu hin­ter­fragen, warum Schau­spieler, Musiker und Pro­fi­sportler die Spit­zen­ver­diener unserer Kultur sind, wäh­rend Koch, Alten­pfleger und Kellner mit Zahn­arzt­hel­fe­rinnen und Fri­seuren ums Über­leben kämpfen.

Ein Tipp: das ist kein Zufall – noch hat es irgend­etwas mit “Markt” zu tun … aber viel mit “Marketing”.

Quelle: Nach­rich­ten­spiegel Online

 
 

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